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Audienz beim Wilden Kaiser

»Mädels, das ist gefährlich! Es hat doch schon g’schneit. Da oben ist der Schnee nicht wieder getaut. Und drunter kann’s leicht mal eisig sein. Vergesst nicht, es ist November!« Die Worte des besorgten Mitarbeiters im Tourismusbüro Ellmau hallen uns noch in den Ohren, als wir uns zum Ellmauer Tor aufmachen. Dass Geröll, Schnee und Eis nicht die optimale Kombination für unsere Wanderung ist, ist uns klar. Aber ob es wirklich so dramatisch wird?

Seit zwei Tagen sind wir auf einer Hütte an der Hohen Salve. Der Fön hat noch einmal – wahrscheinlich das letzte Mal in diesem Jahr – für eine super Wetterlage in den Alpen gesorgt. Die ganze letzte Woche schon ist es herrlich sonnig und warm, also perfekt für einen Spätherbst-Ausflug ins Kaisergebirge.

Die Skiwelt »Wilder Kaiser Brixental« bereitet sich zwar schon auf die bevorstehende Wintersaison vor. Die Lifte werden einer letzten Inspektion unterzogen. Die Schneeraupen sorgen auf den Pisten für den perfekten Schnee-Untergrund. Die Hüttenwirte lüften schnell nochmal durch und füllen ihre Vorratskammern auf. Alles steht in den Startlöchern für die Ski- und Snowboardfahrer. Wir aber wollen erst nochmal die Wanderwege unsicher machen.

Schon von Ferne, auf dem Weg zu unserem Startpunkt, ist der Wilde Kaiser wunderbar zu erkennen. Wirklich beeindruckend, dieses Massiv, das bei genauerer Betrachtung tatsächlich einem liegendem Mann mit wallendem Bart und Krone gleicht und ziemlich rau und schroff daherkommt. Unser ursprüngliche Plan war – allen Warnungen zum Trotz – bis zum Hinteren Goinger Halt zu laufen. Er gilt als der leichteste Gipfel des Gebirgszugs und ist von unserem Zwischenziel aus, dem Ellmauer Tor, in einer weiteren Dreiviertelstunde zu erreichen.

Wir können bereits von unten das ein oder andere Schneefeld entdecken, glauben aber bis zuletzt daran, dass unser Weg daran vorbeiführen wird. Mehr als das: Wir scherzen noch über den Tourismusexperten, der uns allem Anschein nach nur unnötig Angst machen wollte. Doch je höher wir kommen und je unwegsamer das Gelände wird, desto mehr Schnee kommt uns unter die Schuhe. Wir stapfen, balancieren, rutschen und kraxeln weiter und kommen etwas später als gedacht am Ellmauer Tor (1.997m), der tiefsten Einsattelung im Hauptkamm, an.

Ohne Zweifel, hier befinden wir uns im Herzen des Wilden Kaisers. Der Blick nach Norden und Süden ist frei, links und rechts von uns erheben sich jedoch gewaltige Felswände, die sich scheinbar schützend vor uns auftürmen. Wir halten kurz inne, prüfen das Gelände hinauf zum Goinger Halt, blicken auf die Uhr, schauen uns an und schütteln gleichzeitig lachend den Kopf – man muss das Glück ja nicht unnötig herausfordern.

Hinter einem kleinen Felsvorsprung im Windschatten stärken wir uns ausgiebig für den Rückweg, kämpfen mit Dohle Eins, Zwei und Drei um jeden Brotkrümel und freuen uns ein ums andere mal, wenn die Sonne wieder hinter den Wolken hervorspitzt. Unten angekommen sparen wir uns die Einkehr in die Wochenbrunner Alm. Wir genießen lieber Zuhause auf der Hütte die leckersten Spaghetti Bolognese der Welt gemütlich vor dem warmen Kamin.

 

ERKENNTNIS DES TAGES
Wir sehen harmloser aus, als wir sind.

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