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Aus Liebe zum Bergwald

«Der Natur etwas zurückgeben», das ist das Motto der Aktion Schutzwald des Deutschen Alpenvereins (DAV) und war gleichzeitig der Anreiz für die meisten von uns. Wir haben uns freiwillig gemeldet für fünf Tage im Wald ohne Strom und fließend Wasser und waren sehr gespannt, was uns dort sonst noch so erwartet.

Wir
Eine wild zusammengewürfelte Gruppe von sechs Personen unterschiedlichsten Alters, angereist aus ganz Deutschland

Unser Zuhause
Die Giggelsteinhütte, Diensthütte des Forstbetriebsleiters von Sonthofen im Allgäu, ohne sanitäre Einrichtungen, dafür aber mit hauseigener Quelle

Unser Einsatzgebiet
Der Große Wald (kein Scherz, das ist der offizielle Name), ein Waldgebiet der Bayerischen Staatsforsten

Unser Einsatzleiter
Heini, Jäger aus Leidenschaft und mit gefühlt 1.000 Nebentätigkeiten.

Unsere Aufgaben
Pflege von Äsungsflächen (Mähen der Waldwiesen, die dem Wild als Futterplatz dienen)
Steigpflege (Freimachen der Wege von Hindernissen, Geröll und Erde)
Freischneiden von Hochsitzen (Stutzen der Bäume im Sichtfeld der Hochsitze)
Wegebau (u.a. Bau eines Stegs über sumpfige Wegstrecken)

Als wir erfahren, dass wir die Woche mit einem Jäger anstelle eines Försters verbringen, sind wir erst ein wenig skeptisch. Weiß er über die Notwendigkeit, die Pflege und den Erhalt des alpinen Schutzwaldes Bescheid? Ist er nicht voreingenommen? Nach wenigen Erzählungen wissen wir: Heini ist zweifelsohne versiert, kann uns jede noch so naive Frage beantworten und erklärt uns mit einer Engelsgeduld die Zusammenhänge.

Schutz von Mensch und Infrastruktur

Soviel steht fest, der Schutzwald schützt Siedlungen und Verkehrsverbindungen vor Lawinen, Steinschlag, Muren und Hochwasser. Seine Instandsetzung und Pflege ist kostengünstiger als jede technische Installation und hat den herrlichen Nebeneffekt, dass das naturnahe Landschaftsbild erhalten bleibt und darüber hinaus ein attraktives Erholungsgebiet geschaffen wird. Um rollende Steine und Felsbrocken vom Sturz ins Tal abzuhalten, gefährlichen Schneeverlagerungen entgegenzuwirken oder den abruptem Wasserabfluss bei Starkregen zu vermindern, ist ein lockerer Mischwald mit Bäumen unterschiedlicher Altersstufen ideal. Fehlt nämlich beispielsweise das Unterholz aus jungen Bäumen und Sträuchern, bietet der Bergwald kaum ein Hindernis für herabrollende Felsen.

Junge Bäume sind jedoch beim Wild überaus beliebt. Hirsch, Reh & Co. verbeißen Knospen, Triebe und Blätter und verhindert damit das weitere Baumwachstum. Das Ergebnis: Nur alte Bäume überleben, eine natürliche Verjüngung des Waldes findet nicht mehr statt und neue Pflanzungen müssen aufwandsintensiv vor Verbiss geschützt werden. «Wald vor Wild» schreibt der Gesetzgeber deshalb nicht nur im Bergwald vor. Die Begrenzung von Wildtierbeständen anhand eines jährlichen Abschusssolls in den Revieren ist die Folge. Der dadurch enstehende Konflikt ist deutlich spürbar – denn plötzlich argumentiert wieder der Jäger in Heini.

Spannungsfeld Forst

Die Anzahl der im Revier vorhandenen Wildtieren ist schwer bestimmbar, da das Wild in seiner Bewegung natürlich nicht in Flurgrenzen denkt. Die Vorgaben, der zum Abschuss stehenden Tiere, werden von den Jägern demzufolge kritisch beurteilt.

Die Ansitzjagd¹ wird bei schwindendem Bestand immer schwieriger. Eine Alternative, die Drückjagd², setzt das Tier allerdings stark unter Stress, was sich wiederum negativ auf den Reifungsprozess und damit die Qualität des Fleisches nach dem Abschuss auswirkt. Dennoch wird diese Art der Jagd schon jetzt vermehrt eingesetzt.

Außerdem wird die Nachfrage nach regionalen Lebensmitteln und Produkten in den nächsten Jahren vermutlich weiter steigen. Viele Gasthöfe im Allgäu haben Wildgerichte auf ihren Speisekarten und Einheimische wie Touristen schätzen das Angebot an regionalen Spezialitäten. Die Jäger sehen gerade das Wildfleischangebot in Gefahr, wenn der Wildtierbestand weiterhin reduziert werden muss.

Wir aber haben noch Glück. Am Donnerstagabend lädt uns Heini in seiner Mooshütte auf Rehgulasch mit Spätzle und Blaukraut ein. Wir lassen es uns schmecken – schließlich wissen wir ja, wo das Fleisch herkommt. Es ist unser letzter, gemeinsamer Abend. Die Eindrücke der Woche ziehen an uns vorbei, wir erhalten ganz offiziell unsere Teilnahmeurkunden und lauschen noch einmal Heinis unterhaltsamen Jagdgeschichten.

Den Wald mit anderen Augen sehen

Mein Resümee dieser Woche? Ich fand es extrem inspirierend, meine Mitstreiter kennenzulernen. Wir waren unterschiedlichste Charaktere und haben doch für diese Tage ein Team gebildet. Ich genoss die Nähe zur Natur, die Bewegung und die frische Luft. Und obwohl ich mir keine abschließende Meinung bilden konnte, hat sich meine Sichtweise auf den Wald und seine Bewohner geändert und ich wurde für die verschiedenen Interessenslagen der unterschiedlichen Akteure sensibilisiert. Ich glaube, wenn nur die Hälfte der anderen Teilnehmer mit den gleichen Gedanken aus der Akion Schutzwald rausgeht, hat der DAV seinen Bildungsauftrag in dieser Hinsicht auf jeden Fall erfüllt.

 

¹Der Jäger sitzt auf dem Hochsitz und wartet auf vorbeikommendes Wild.
²Bei dieser Art der Jagd verteilen sich zwanzig bis dreißig Jäger über das zu bejagende Gebiet. Hunde und Treiber stöbern das Wild auf und halten es bis zum Abschuss in Bewegung.

Quellen:
http://www.stmelf.bayern.de/wald/waldfunktionen/schutzwald/
http://www.baysf.de/de/wald-bewirtschaften/jagd/grundsaetze.html
https://www.lebensmittellexikon.de/w0001160.php