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Ode an das Kleinwalsertal

Ich lasse Oberstdorf, den südlichsten Ort Deutschlands, hinter mir. Die Straße schlängelt sich durch die Berge. Die Bebauungen werden spärlicher. Eine Sommerrodelbahn überquert die Fahrbahn. Ein einfacher Holzpfosten markiert die Grenze zwischen Österreich und Deutschland. Der Gasthof Walserschanze, die ehemalige Zollstation, folgt dicht dahinter. Mein Handy piepst. Ich bin wieder da. Im Kleinwalsertal. Der schönsten Sackgasse der Welt!

Das Kleinwalsertal war schon immer etwas Besonderes. Komplett umgeben von den Allgäuer Alpen mit der Kanzelwand im Osten, dem Hohen Ifen im Westen und dem Großen Widderstein im Süden muss der Walser erst mal über Deutschland fahren, um überhaupt nach Österreich zu gelangen. Diese geographische Eigenheit macht das Tal zu einer funktionalen Enklave und darüber hinaus zu deutschem Wirtschaftsgebiet. Bis 2003 existierte eine deutsche Telefonvorwahl und sogar heute noch ist die deutsche Postleitzahl gültig.

Nun könnte man meinen, das Tal sei abgeschottet vom Rest der Welt, die Bewohner seien ein wenig eigen, um nicht zu sagen «hinterwäldlerisch». Doch das Gegenteil ist der Fall. Schon früh im 20. Jahrhundert begannen die Entwicklungen, aus dem Bauern- ein Tourismusland zu machen. Die Präsenz von Gästen verschiedener Nationalitäten wurde zur Normalität – erst im Winter, dann auch im Sommer. Mittlerweile ist der Tourismus zum wichtigsten Wirtschaftsfaktor im Tal geworden und die Angebote werden permanent ausgebaut. An Weltoffenheit und Gastfreundschaft kann es den Walsern demnach definitiv nicht mangeln.

Nachhaltige Konzepte unabdingbar für alpinen Tourismus

Am Tag zuvor, auf der von Bundesregierung, Alpenkonvention und Bayerischer Staatsregierung veranstalteten Tourismuskonferenz in Sonthofen, wurde auch viel über touristische Entwicklungen diskutiert. Dem Veranstaltungstitel «Nachhaltiger Tourismus in den Alpen: Eine Herausforderung (ohne Alternative)» folgend, war man sich vor allem in einem einig: Den Ast, auf dem wir sitzen, dürfen wir nicht absägen. Zwar ist der Tourismus im Alpenraum, laut Alpenforscher Werner Bätzing, mit 10 – 12 % aller Arbeitsplätze nicht der dominante oder stärkste Wirtschaftszweig. Auch konzentriert er sich räumlich nur in 10 % aller Alpengemeinden und wenigen Alpenregionen.

Dennoch sind gerade diese Orte und Regionen in besonderem Maße auf den Tourismus angewiesen, der Bätzing zufolge «heute praktisch die einzige wirtschaftliche Aktivität ist, die im eigentlichen Gebirgsraum dezentrale Arbeitsplätze schafft bzw. erhält». Umso bedeutsamer ist es, diesen Wirtschaftszweig langfristig zu sichern, sich gegen außeralpine Konkurrenz durchzusetzen und potenzielle neue Gäste zu erreichen. Prof. Armin A. Brysch von der Hochschule Kempten macht es in seiner Konferenz-Zusammenfassung noch einmal deutlich: Branchenübergreifende, nachhaltige Strategien sind gefragt. Strategien, die einen bewussten, verantwortungsvollen Umgang mit den natürlichen und kulturellen Ressourcen fördern und den Charakter des Lebensraums Alpen bewahren. Das Projekt «Bergsteigerdörfer» und die Direktvermarktungsplattform «Pur Südtirol» (im Folgenden beschrieben) sind nur zwei Beispiel, wie eine erfolgreiche Umsetzung aussehen kann.

Best Practice: Bergsteigerdörfer, Pur Südtirol…

«Bergsteigerdorf» dürfen sich heute, acht Jahre nach der Initiierung durch den Österreichischen Alpenverein und dem Ministerium für ein lebenswertes Österreich, 21 «Kleine und feine Orte zum genießen und verweilen» nennen. Als erstes deutsches Dorf hat Ramsau den Kriterien «Dörflichkeit, intaktes Ortsbild und Landschaft, Kooperationsqualität, Erreichbarkeit auch ohne PKW und Alpinkompetenz» stand gehalten und wurde 2015 ausgezeichnet. Versprochen wird in den Bergsteigerdörfern ein Aktiv-Urlaub, der geprägt ist von

Anregung ohne Hektik,
Belebtheit ohne Lärm,
Nähe ohne Respektlosigkeit,
Genuss auf hohem Niveau und
Bewegung aus eigener Kraft.

Das Konzept ist bewusst nicht auf den Massentourismus ausgelegt und übt vielleicht gerade deswegen einen so großen Reiz auf die relevante Zielgruppe aus. Auf meiner Wunsch-Reiseziel-Liste steht Ramsau seit der Konferenz jedenfalls ganz weit oben.

Von «Genuss auf hohem Niveau» lässt sich auch bei der E-Commerce-Plattform «Pur Südtirol» sprechen. Ein Unternehmen ohne eigene Marke, weil es als Direktvermarkter den Produkten Südtiroler Bauern, Obst verarbeitender Betrieben, Kellereien, freier Winzern und Destillerien eine Bühne bieten möchte. Dabei zielen die Macher der Plattform darauf ab, regionale Qualität zu fairen Preisen für jeden zugänglich zu machen und den ambitionierten regionalen Bauern ein Sprachrohr zu sein.

«Einfach, aber authentisch und ehrlich», so sollen die Produkte laut Ulli Wallnöfer, Geschäftsführender Gesellschafter von Pur Südtirol, sein. Dem Argument, das Angebot sei nur einkommensstarken Haushalten vorenthalten, entgegnet er: «Wir haben kein Budgetproblem, sondern ein Werteproblem!» Durch Aussagen wie diese wird klar: Seine Motivation ist nicht von wirtschaftlichen Profitdenken geprägt. Vielmehr möchte er seinen Beitrag für die regionale Entwicklung seiner Heimat leisten und ein Umdenken bei den Verbrauchern bewirken. Dieser Mann hat eine Vision – und die ist sicht- und spürbar.

… und das Kleinwalsertal

Besonders nach dem Vortrag von Ulli Wallnöfer frage ich mich, warum eigentlich kein Referent aus dem Kleinwalsertal auf dem Programm stand. Mit seinem Strategiepapier 2023 hat die Tourismus eGen die Weichen gestellt. Man wolle «Vorsprung durch alpine Vielfalt – Für jeden seine Auszeit!» und «kein quantitatives Wachstum um jeden Preis». Visionen und Ziele, denen sie sich verschrieben haben und die sich in einer Vielzahl an Maßnahmen und Produkten unter Einbezug der landschaftlichen Möglichkeiten, der regionalen Landwirtschaft und der gelebten Walser Tradition ausdrücken.

Auch in Sachen Direktvermarktung von Produkten heimischer, landwirtschaftlicher (Klein-)Betriebe haben die Walser Erfahrung. Unter der Marke «Walser Buura» werden hier Gams-Würstl, Kaminwurzen und Almkäse ohne Zwischenhändler an den Mann gebracht – ein gutes Gewissen inklusive. Von besonderem Ideenreichtum zeugen auch Einrichtungen wie der Hoflaada von Dagmar Hilbrand. Neben den Erzeugnissen des eigenen landwirtschaftlichen Betriebs (und einem wunderbar fruchtigem Hollunderlikör) kann man sich hier 24/7 am Automaten mit frischer Bergbauernmilch versorgen. Das Konzept geht auf.

Zääma lääba

Katrin Berchtold, für den Produktbereich der Kleinwalsertal Tourismus eGen zuständig, hat zum Zeitpunkt der Konferenz andere Sorgen: Sie organisiert in ihrer weiteren Funktion als Kapellmeisterin das Bezirksmusikfest «ZÄÄMA» zum 200-jährigen Bestehen der Trachtenkapelle Riezlern. Die letzten Vorbereitungen im riesigen Festzelt müssen getroffen, die unzähligen freiwilligen Helfer in Schach gehalten werden. Doch dann ist es soweit: Vier Tage Fest-Marathon können losgehen. Der erste Abend ist ganz den Gastgebern und Gästen des Tales gewidmet – mit regionalen Spezialitäten der «Walser Buura» und Gastronomen, untermalt mit einem Auftritt der Trachtenkapelle selbst und Geschichten von Zeitzeugen über das Tal. Wieder ein Clou der Kleinwalser Tourismustreibenden: Die harmonische Kombination von Gästen und dem traditionellen, kulturellen Leben der Walser in einer modernen Interpretation. Kein Wunder, dass das Stammgast-Paar mit den meisten Übernachtungen mehr als 100 Nächtigungen vorweisen kann und entsprechend geehrt wird.

Eindrücke wie diese machen deutlich, die Kleinwalsertaler leben nicht für den Tourismus, sondern mit ihm. Nicht nur Gäste werden strategisch angesprochen, auch Einheimische sollen ihre Freizeit im Tal genießen können. Das ist vielleicht auch der Grund, der den liebenswürdigen Walsern das notwendige Bewusstsein dafür gibt, mit ihrer einzigartigen Natur- und Kulturlandschaft und ihren echten Traditionen verantwortungsbewusst umzugehen und sie auch für spätere Generationen zu sichern.

 

Quellen:
http://www.geographie.nat.uni-erlangen.de/wp-content/uploads/2009/05/wba_publ_143_stellenwert.pdf, S. 3 und 8
http://www.alpenverein.de/chameleon/public/3eac2731-1935-3249-0c0f-36bf07e6adc3/kriterien_fuer_bergsteigerdoerfer_-2014_Bayern_26232.pdf
http://www.alpenverein.de/Natur-Umwelt/Alpine-Raumordnung/Bergsteigerdoerfer/
https://www.pursuedtirol.com/de/information/philosophie-werte/56-0.html
https://www.yumpu.com/de/document/view/36743342/kleinwalsertal-strategiepapier-2013
http://www.walserbuura.at/
http://www.hoflaada.at/