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Via Alpina #1 – Der lange Weg vom Meer durch den Karst

Wir stehen mit den Füßen im Meer in Muggia, einer idyllischen Hafenstadt im Norden Italiens, nahe Triest. Die Via Alpina mit 161 Etappen liegt vor uns. Wir werden sechs Tage lang laufen, mehr als 100 Kilometer zu Fuß zurücklegen und an die 6.400 Höhenmeter überwinden. Auf unserem Weg werden wir die slowenische Karstlandschaft durchqueren, zwei Gipfel erklimmen und uns dabei Schritt für Schritt vom Meer entfernen und in Richtung Alpenhauptkamm bewegen.

Die Via Alpina birgt so manche Überraschung

Wer glaubt, der rote Weg der Via Alpina beginnt mitten in den Alpen auf 1.000 Höhenmetern und mehr, irrt gewaltig. Die »richtigen« Alpen muss man sich auf dieser Route hart erarbeiten – mit langen Märschen über Felder, durch Wälder, auf alten Handelsstraßen, über Grenzen hinweg und durch winzige Ortschaften hindurch. Auf der Karte ist ein Restaurant eingezeichnet? Seit Jahren geschlossen. Im nächsten Ort scheint es einen Supermarkt zu geben? Fehlanzeige, die nächste Einkaufmöglichkeit ist fünf Kilometer weit entfernt. Unsere bisherige Wahrnehmung für Entferungen wird auf den Kopf gestellt. Denn für einen hungrigen, müden Wanderer, der bis 16:00 Uhr noch immer keine Gelegenheit zum Mittagessen gefunden hat, können sich selbst lächerliche 500 Meter plötzlich enorm in die Länge ziehen.

Auch die Wegführung selbst stellt uns vor ungeahnte Herausforderungen: Die GPS-Daten der offiziellen Website sind unzuverlässig, die Strecken- und Höhenangaben im Reiseführer ungenau, die Wegbeschilderung an manchen kritischen Stellen versteckt bis nicht vorhanden. Bereits am ersten Tag unserer Reise wird das GPS-Gerät zum sinnvollsten Reisegadget gekürt – es bewahrt und vor so manchem Umweg durch Falschabbiegen, führt uns sicher über frisch gemähte Wiesen, auf denen der richtige Pfad nicht mehr zu erkennen ist und lässt unsere Zweifel schwinden, wenn wir uns mal wieder durch Brombeersträucher schlagen müssen und kaum glauben können, dass wir noch richtig sind.

Schweres Gepäck, die Hitze (warum liegen wir eigentlich nicht faul irgendwo am Meer?!?) und die langen Wege machen uns in den ersten Tagen sehr zu schaffen. Mir sogar so sehr, dass ich am dritten Tag mein Bein erst mal hochlegen und kühlen muss, weil eine Reizung der Sehne im Sprunggelenk ein Weitergehen unmöglich macht. Ich muss aber sagen, wir hätten uns einen denkbar schlechteren Ort für die Rast aussuchen können. Am Rande eines UNESCO-Weltnaturerbes, den Höhlen von Škocjan, lässt es sich im Schatten von Apfelbäumen bei einer Flasche tiefrotem Teran und einer Portion des im Bora-Wind getrockneten Karst-Schinken »Pršut« richtig gut entspannen.

Slowenien ist unbedingt eine Reise wert

Slowenien wird schwer unterschätzt. Land und Leute haben viel zu bieten. In der ländlichen Karstgegend sind die Einwohner geprägt von Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft. Sprachbarrieren hindern einen vorbeikommenden Autofahrer beispielsweise nicht daran, uns auf den letzten Metern der Etappe netterweise einzusammeln und uns direkt vor die Haustür unserer Unterkunft zu bringen. Unsere Wirtin, stellt uns – nachdem es im Ort weder Restaurant noch Supermarkt gibt ­– alles auf den Tisch, was sie noch im Kühlschrank findet und gibt uns zum Abschied sogar noch den selbstgebrannten Sliwowitz »zur äußeren und inneren Anwendung« mit. Und ich mein, im Ernst: Wo sieht man schon mal einen preisgekrönten Esel mitten durch die Gaststube laufen? Mehr Unterhaltung geht kaum.

Karst bedeutet übersetzt soviel wie »dünner Boden«. Er war lange der unwirtlichste Flecken Erde zwischen Wien und Triest und ist vom Tourismus bisher fast unberührt. Auf unserem Weg finden wir immer wieder karge Steinfelder, zum Teil verwildert und mit Bäumen und Sträuchern bewachsen. Die Ausübung landwirtschaftlicher Arbeit hier ist mühsam. Der Boden ist aufgrund des Kalkgesteins durchlöchert und saugt alles Wasser in sich auf. Damit überhaupt Erde für den Anbau zur Verfügung steht, mussten die Bauern die oberste Gesteinsschicht abtragen. Daraus errichteten sie die typischen, kleinen Mauern rund um ihre Felder und bauten Bruchsteinhäuser, die noch heute das Landschaftsbild prägen.

In globalisierten Zeiten lohnt sich dieser Aufwand nur noch bedingt, was sich auch in der Altersstruktur der slowenischen Landwirte widerspiegelt: Nur 19% von ihnen sind jünger als 45 Jahre, 60% dagegen älter als 55 Jahre. Die EU bietet mit dem »Europäischen Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raums« zwar finanzielle Unterstützung für regionale Projekte, wie beispielsweise der »Obststraße von Brkini«. Dennoch hat es die jüngere Generation nicht leicht, über die Runden zu kommen. Unsere engagierte, 30-jährige Wirtin, die übrigens perfekt Englisch spricht, erzählt uns, sie müsse sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser halten und vertrete gerade nur den eigentlichen Besitzer der Unterkunft – und sie sei damit nicht alleine. Langsam wird uns bewusst, dass die Via Alpina nicht nur ein hübscher Wanderweg ist. Sie wertet gerade auf diesem Teil der Strecke eine faszinierende Kulturlandschaft auf, die meines Erachtens noch viel zu wenig Leute als Reisedestination auf dem Schirm haben.

Bekanntschaften unter Via Alpinisten

Nachdem ich meine kleine Verletzung auskuriert habe, geht es munter weiter in Richtung Norden. Die hügelige Landschaft der Hochebene nimmt kein Ende. Nur pilgern kann schöner sein. Und tatsächlich, an einer der zahllosen Kirchen am Wegesrand finden wir einen Hinweis auf den slowenischen Jakobsweg. Spontan entschließen wir uns, einen Pilgertag einzulegen und direkt das nächste Gotteshauses zu besuchen. Leider finden wir es verschlossen vor. Genauso wie das nächste. Und das nächste. Und das nächste… Aber wir sind ja flexibel. Dann vertreiben wir uns die Zeit eben weiterhin mit dem Füttern von Ziegen, diskutieren über das richtige Verhalten bei einer Begegnung mit Bären und scheitern an der Abwehr eines Killerbienenangriffs.

Via Alpinisten sind übrigens ein scheues Volk. Sie zeigen sich selten bis gar nicht und man muss es fast unter »Wunder« verbuchen, tatsächlich auf diese Spezies zu treffen. Wir haben uns sagen lassen, dass es an der Jahreszeit liegt – im Mai/Juni seien sie wohl aktiver. Entsprechend überrascht sind wir, beim Abendessen am dritten Tag von einem niederländischen Paar angesprochen zu werden und stellen fest, dass wir das gleiche Ziel für den nächsten Tag haben. Wir kommen aus dem Staunen nicht mehr heraus, als wir bei der nächsten Mittagspause zwei weitere Wanderern aus dem hohen Norden treffen: Sie hätten uns heute morgen beim Frühstück schon gesehen, wie es uns den bisher ergangen sei. Wir freuen uns über den Austausch und genießen es, am Abend in der Unterkunft auf bekannte Gesichter zu treffen.

Denn hat man erst einmal mit einem Via Alpinisten Bekanntschaft geschlossen, will man seine Gesellschaft nicht mehr missen. Und wie sonst hätten wir jemals herausgefunden, dass der wohl schönste Ortsname Sloweniens »Črni Vrh« in Wahrheit gar kein Zungenbrecher ist. Dass die Frage »Welcher Tag ist heute?« ungeniert mit einem »Riech mal!« beantwortet werden darf. Dass eine am Rucksack montierte Wäschespinne, die perfekte Trocknungsvorrichtung für frisch gewaschene Kleidung ist. Oder dass Minimalismus auf Reisen wirklich funktioniert und eine Unterhose auch gut mal für vier Tage reicht. Die möglichen Tragevarainten überlasse ich gern deiner eigenen Fantasie…

Das unerwartete Ende

An Tag sechs ist der große Moment endlich da: Nach tagelangem Wandern in der Ebene werden wir auf dem Javornik mit einem herrlichen Ausblick in 1.257 Metern Höhe belohnt. Auf der einen Seite sehen wir zum ersten Mal die Julischen Alpen mit dem unverkennbaren Triglav, Sloweniens höchstem Berg, im Hintergrund, auf der anderen Seite ist die Adria zu erkennen. Wahnsinn! Diese erste Fernsicht steigert die Vorfreude auf alpines Gelände ins unermessliche und wir können es kaum mehr erwarten, endlich ein paar Höhenmeter zurücklegen zu dürfen.

Die Enttäuschung am siebten Tag ist entsprechend groß. Meine Sprunggelenksschmerzen sind zurück und zudem meldet sich die Achillessehne zu Wort. Ich überlege lange hin und her, aber ein Abbruch der Reise ist unabwendbar – Gesundheit geht vor. Schweren Herzens treffe ich die Entscheidung, nach Hause zu fahren und die Reizungen erst mal richtig auszuheilen. Denn auch wenn ich mir insgeheim vielleicht ein anderes Ziel gesteckt hatte, ich bin glücklich darüber, einen Anfang gemacht zu haben – und die restlichen Etappen laufen mir ja schließlich nicht weg.

Was ich zu dem Zeitpunkt noch nicht weiß: Die Wanderschaft geht schon sehr bald weiter…