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Via Alpina #2 – Den Triglav im Blick

Wie war das? Wer vom Pferd fällt, steigt am Besten gleich wieder auf. Die Verletzung meiner ersten Via-Alpina-Etappen ist schnell wieder ausgeheilt. Also, auf ein Neues! Diesmal etwas weniger ambitioniert, dafür mit mehr Gelassenheit: 50 Kilometer, 6.700 Höhenmeter und drei Gipfel.

In aller Herrgottsfrühe kommen wir in Ljubljana an, schlendern durch die ausgestorbenen Straßen der Innenstadt, laufen auf den Burg-Berg und packen unser Frühstück aus. Als hätte die Sonne nur auf uns gewartet, blitzen prompt die ersten Strahlen am Horizont auf. In diesem Moment wissen wir: Die Tour wird richtig gut!

Aus dem abrupten Ende meiner ersten Mehrtageswandererfahrung habe ich gelernt. Wir haben uns diesmal nur drei Etappen vorgenommen, beginnend mit der letzten der vorherigen Tour. Auch kann ich die Strecken und Höhenmeter-Angaben in der Tourenbeschreibung diesmal besser einschätzen und habe die Unterkünfte im Voraus gebucht. Einerseits, weil die Etappen-Ziele keine Städte mehr sind, sondern wir auf einen Schlafplatz in den Hütten angewiesen sind. Andererseits, weil der Kopf frei sein und rein gar nichts vom Akt des Gehens ablenken soll.

Einfach mal abschalten

Die Strecke macht es uns einfach, die Gedanken abzustellen und uns ganz auf unsere Füße zu konzentrieren. Es ist eine ganz besondere Erfahrung, auf gefühlt senkrechten Waldwegen ohne Stufen oder natürliche Wurzeln und Steine zu laufen. Kein Vergleich zu den vorbildlich gepflegten Wanderwegen in den bayerischen oder österreichischen Alpen, die ich bisher kennengelernt habe. Aber gerade das macht den Reiz des Weges aus. Und auf dem ersten Gipfel unserer Tour, dem Porezen, ist wieder einmal klar – der größte Lohn für die Mühen des Tages ist der unbeschreibliche Ausblick! Das sagenhaft liebevoll zubereitete 3-Gänge-Menü, das wir bei Sonnenuntergang vor der Hütte serviert bekommen, bildet den krönenden Abschluss unseres ersten Wandertages.

Der nächste Tag begrüßt uns wieder mit strahlendem Sonnenschein und die Strecke, die vor uns liegt, ist auf jeden Fall machbar. Dennoch habe ich nach dem Abstieg ins Tal mit einem seltsamen Motivationstief zu kämpfen, das mich sogar dazu veranlasst, eine Übernachtung in der einzigen Ausweichunterkunft des Tages ernsthaft in Betracht zu ziehen – obwohl es noch nicht einmal Mittag ist. Ich bin meiner Begleiterin bis heute dankbar, dass sie mich zum Weitergehen ermutigt. Die Route über Stock, Stein und Geröllfelder ist wunderbar abwechslungsreich und führt uns endlich in die bezaubernden Julischen Alpen und den wilden Triglav Nationalpark. Die Attraktivität des einzigen Nationalparks Sloweniens, der zu den ältesten in ganz Europa zählt, bemerken wir schnell: Das einsame Wandern ist beendet, wir bekommen Gesellschaft auf Wegen und Hütten.

Gratwanderung mit Hindernissen

Den Gipfel Črna prst erreichen wir kurz nach einer spektakulären Geröllfeldüberquerung und dem Aufstieg durch eine schmale Rinne zum Sattel Škrbina. Hier können wir bereits einen Blick darauf werfen, was uns am nächsten Tag erwartet: Eine Gratwanderung, der technisch angeblich schwerste Teil der Via Alpina in Slowenien. Die Nacht verbringen wir in einer asketische ausgestatteten Berghütte, deren sozialistische Vergangenheit sich nicht verleugnen lässt. Das erste mal auf der Reise müssen wir auf eine erfrischende Dusche am Abend verzichten – Katzenwäsche am Outdoor-Wasserhahn ist angesagt. Aber: Es gibt WIFI…

Ich muss zugeben, für zwei, drei Adrenalin-Schübe ist am Tag danach tatsächlich gesorgt: Wenn wir zum Beispiel über zwei nebeneinanderliegenden Baumstämme und mit etwas Seilsicherung an der Wand einen Abgrund von mehreren hundert Metern überwinden oder auf Eisentritten mal eben zwei Meter senkrecht hinaufklettern müssen. Gar nicht so einfach mit einem schweren Rucksack auf dem Rücken. Ansonsten ist der Weg herrlich natürlich gehalten und Sicherungen an ausgesetzten oder kritischen Kraxelstellen eher eine Seltenheit. Die Slowenen setzen nicht so wahnsinnig viel auf Sicherheit, soviel steht fest. Aber es macht verdammt Laune, immer wieder den kleinen Nervenkitzel zu spüren und die schroffe Gesteinslandschaft mit Händen und Füßen zu erkunden. Und wenn dann zwischendurch auch noch ein Edelweiß im alpinen Rasen auftaucht, kennen die Endorphine kein Halten mehr!

Wir nähern uns langsam dem Ende unserer Tour. Die Bergbahn des Skigebiets Vogel wird uns zum ältesten slowenischen Gletschersee, dem Bohinjer See, hinunter und zurück in die Zivilisation bringen. Ein wenig Schwermut macht sich breit. Wir haben uns gerade so schön an den Tagesablauf aus Laufen, Essen, Schlafen, an die Stille und die unberührte Natur gewöhnt.

Skigebiete im Sommer: Es gibt schöneres…

Noch bevor wir die Seilbahn überhaupt erreichen, bekommen wir bereits einen kleinen Vorgeschmack auf das, was uns unten wieder erwartet. Auf kargen Skipisten müssten wir den Weg zur Bergstation antreten, die Aussicht wird plötzlich von den Seilen der Schlepp- und Sessellifte durchkreuzt, aus den mit Winterplakaten behängten Hütten dringt schon von Ferne Apres-Ski-Musik und Fettgeruch und die Gondel spuckt unablässig Leute in Sandalen und Turnschuhen aus, die auf der Suche nach dem perfekten Gipfel-Selfie sind.

Die Sommernutzung eines Winterskigebietes sieht für mich irgendwie anderes aus. Insbesondere, wenn es in einem Nationalpark liegt. Ich mein, alle Bemühungen in Ehren, aber es reicht nicht aus, einfach nur einen Bikepark anzulegen, der nebenbei gesagt nicht so wirkt, als wäre er stark frequentiert. Auch Schotterpisten, die sich trostlos durch die Latschenwälder ziehen, zeugen nicht gerade von einer nachhaltigen Pflege und an eine intakte Vegetationsdecke ist gar nicht zu denken. So gewinnt man keine Wanderherzen. Mir ist klar, dass das auch eine Frage der monetären Mittel ist. Aber ich wundere mich schon, ob das Umweltbewusstsein der Verantwortlichen und Entscheider in diesem Fall nicht doch etwas stärker ausgeprägt sein sollte.

Allem Unmut zum Trotz, blenden wir alles Störende auf den letzten Metern einfach aus und sind ziemlich froh, den Abstieg mit der Gondel umgehen zu können. Kaum im Hotel angekommen packen wir unsere Badesachen, laufen zum See und springen beherzt hinein. In den Gletschersee, der an der tiefsten Stelle 45 Meter misst und einfach nur eiskalt ist. Sooooo gut! Nach einem weiteren, kurzen Zwischenstopp in der Touristenhochburg Bled (nichts für Individualreisende!) fahren wir unversehrt und gut gelaunt wieder zurück in die Heimat.

Mir ist eins klar nach den drei Tagen: Ich habe Gefallen daran gefunden, die Via Alpina Stück für Stück zu erkunden. Nächstes Jahr geht es weiter. Zum Triglav. Vielleicht sogar nach Österreich. Etappe für Etappe. Tag für Tag. Meter für Meter. Schritt für Schritt.